Der Jugendgeschichtstag 2011 ist ins Land gegangen und gehört nun zur neueren Geschichte unseres Landes. Mehr als 150 Jugendliche und Projektbetreuer_innen zogen am 25.11.2011 zum siebenten Mal in das Schweriner Schloss ein und präsentierten spannende, aufregende und bewegende Geschichte(n), die sie in ihren Heimatregionen erforscht haben. Mit Plakatwänden, Wandzeitungen, Videofilmen, interaktiven Internetseiten und durch aufgeregte Erzählungen von vielen jungen Zeitenspringer_innen wurde an den Projektständen auf den vier Stockwerken der historischen Wendeltreppe ein lebendiger Eindruck von der umfangreichen Recherchearbeit hinter jedem einzelnen Projekt widergespiegelt. Die Zeitensprüngeteams, die meist aus 8 – 12 Jugendlichen, manchmal aus ganzen Schulklassen bestanden, beschäftigten sich in diesem Jahr mit Themen wie dem Schulalltag in der DDR, den Lebensumständen ihrer Großeltern in den 30er und 40er Jahren oder dem Schicksal verunglückter Kampfbomberpiloten aus dem 2. Weltkrieg.
Von Zeitreisen, Glückwünschen und Erinnerungen
Den offiziellen Startschuss zum Jugendgeschichtstag gab die Vizpräsidentin des Landtages Silke Gajek. Beim Empfang der Landtagspräsidentin im Schlosscafé begrüßte sie die Jugendlichen aus allen Teilen Mecklenburg-Vorpommerns und sprach ihren Respekt und Dank für die engagierte Projektarbeit aus. Projektkoordinator Dirk Siebernik vom Landesjugendring M-V zeigte sich begeistert, dass erneut so viele neue spannende Geschichten aus M-V von interessierten jungen Menschen entdeckt und kreativ und engagiert erforscht wurden. Damit war das Buffet eröffnet.

Die Projektpräsentationen starteten in diesem Jahr künstlerisch und sehr originell. Die Zeitenspringer_innen des Jugendgartens „Alte Schmiede“ aus Rostock haben ihre Groß- und Urgroßeltern zum Alltag ihrer Schulzeit befragt und die Ergebnisse und Erfahrungen dieser Interviews in ihrem Theaterstück „Als Uroma zur Schule ging“ verarbeitet. Mit Hilfe einer „Zeitmaschine“ wurde auf der Bühne der Schulalltag von vor 60 Jahren für die Zuschauer_innen lebendig: der Rohrstock für Prügelstrafen bei Ungehorsam und Faulheit oder der Schulweg, der häufig viele Kilometer zu Fuß und ohne festes Schuhwerk bewältigt werden musste. Kreativ, anschaulich, aber auch mit viel Humor und Talent setzten die Jugendlichen die Berichte der von ihnen befragten Zeitzeugen um und ernteten immer wieder ein Raunen und Schmunzeln im Publikum.

Nach viel Applaus fiel der Vorhang und fleißige Helfer stürmten die Bühne um sie für den nächsten Programmpunkt umzubauen. Dirk Siebernik begrüßte den Ehrengast des diesjährigen Jugendgeschichtstages Prof. Dr. Alfred Gomolka und bat ihn zu sich auf die Bühne. Der erste Ministerpräsident Mecklenburg-Vorpommerns nach der deutschen Einheit und langjährige EU-Parlamentarier zeigte sich von den regionalgeschichtlichen Projektarbeiten beeindruckt. Mit auf die Bühne gebeten wurden Astrid Lukas (Ministerium für Arbeit, Gleichstellung und Soziales) und Kurt Laukat (Landesjugendamt). Sie beglückwünschten die Zeitenspringerinnen und Zeitenspringer zu ihren Projektergebnissen und bedankten sich für das Engagement, dass die jungen Leute sowohl in ihre Geschichtsprojekte als auch in die Präsentationen gesteckt haben.

Die Arbeits- und Sozialministerin Manuela Schwesig war in den vergangenen Jahren „Stammgast“ beim Jugendgeschichtstag, schaffte es in diesem Jahr aber leider nicht persönlich dabei zu sein. Sie ließ es sich aber nicht nehmen über eine Videobotschaft allen Teilnehmenden einen schönen und erlebnisreichen Jugendgeschichtstag zu wünschen. Sie bedankte sich für die fleißige Arbeit der Jugendlichen in den Geschichtsprojekten und forderte sie auf „ weiter an der Geschichte unseres Landes interessiert und vor allem dabei zu sein, wenn es darum geht, gemeinsam die Zukunft zu gestalten.“ Und die Zukunft kann nur gestalten, wer die Geschichte kennt und sich mit ihr differenziert auseinandersetzt.

Mit einer kurzen Rede vermittelte der Geschäftsführer der Stiftung Demokratische Jugend, Johannes Zerger, die Bedeutung der Projektmesse:. „Ihr habt historische Puzzelteile zusammengesetzt, Lebenswege nachgezeichnet, Menschen ins Gespräch gebracht, Diskussionen angeregt und Geschichten aufgespürt, die sonst einfach im historischen Nirwana verschwunden wären. Und das ist schon etwas ganz Besonderes. Vielleicht ging es euch am Anfang so, dass Ihr möglichst genau herausfindet wolltet, wie das damals wirklich war. Und während eurer historischen Forschungsreise habt Ihr dann die Erfahrung gemacht, dass verschiedene Menschen, die historischen Ereignisse total unterschiedlich erlebt haben. Wenn das so war, dann seid Ihr einen ganz wesentlichen Schritt vorangekommen: denn Geschichte ist nicht einfach nur geschehen, sondern sie ist abhängig von der eigenen Betroffenheit, von nachträglichen Interpretationen, von verblassender Erinnerung und manchmal auch davon, wie man sich die eigene Rolle darin zurecht gelegt hat. Das weckt neue Fragen, regt zum kritischen Nachdenken an und ist die Grundlage für ein pluralistisches Weltbild und eine wesentliche Voraussetzung für eine lebendige Demokratie.“

Beeindruckende Recherchearbeit
Nach dem Eröffnungsprogramm füllten sich die Projektstände mit Leben. Hier konnte man hautnah die Geschichte unseres Landes des letzten Jahrhundert erfahren, erleben und nachvollziehen. Ehrengast Alfred Gomolka besuchte mehrere Projektstände, kam mit den Jugendlichen ins Gespräch und zeigte sich beeindruckt von der Recherchearbeit der Schüler_innen. „Ich lasse, wenn möglich, keine Gelegenheit aus, mit Jugendlichen in Kontakt zu treten“, sagte er. „Solch eine Begegnung hinterlässt, wenn sie interessant ist, einen langen Eindruck.“ Es sei wunderbar, dass sich die Jugendlichen ihre Projekte selbst aussuchen könnten, erklärte der Ehrengast. „So werden sie auch mit Zweifeln konfrontiert, und die sind wichtig, um kritisch gegenüber der Ideologisierung der Geschichte und offen gegenüber Neuem zu sein.“

„Das Gespräch mit den Zeitzeugen hat am meisten Spaß gemacht, war aber auch am schwierigsten“, erzählte Zeitenspringer Benjamin Scheulen beim gemeinsamen Rundgang mit Alt-Ministerpräsident Alfred Gomolka und den weiteren Gästen. „Manche haben uns einfach die Tür vor der Nase zugeschlagen.“ Der Zeitenspringer der Nordlicht-Schule Rostock hat zusammen mit Christian Dahmke und Marcel-Simon Koch die Geschichte des amerikanischen Kampfflugzeugs „Spamcan“ aus dem Jahre 1944 recherchiert. Nachdem die Maschine auf dem Rückflug von Berlin von deutschen Kampfjägern getroffen worden war, sprangen vier Besatzungsmitglieder über Rostock ab. Der Pilot hatte vermutlich versucht, das neutrale Schweden zu erreichen. Die vier amerikanischen Soldaten wurden verhaftet, nach Kessin gebracht und dort erschossen. Der Pfarrer des Ortes, Dietrich Timm, beerdigte die Leichen in aller Stille. Durch das Zeitensprüngeprojekt ist die Geschichte der Soldaten jetzt fast lückenlos dokumentiert. Die Zeitenspringer planen zudem, für die vier Soldaten auf dem Kessiner Friedhof einen Grabstein aufzustellen – „am besten einen großen Findling, den man nicht übersieht“, sagte Marcel-Simon Koch. Voller Stolz berichteten die Jugendlichen, dass das NDR-Nordmagazin die Arbeit des Zeitensprüngeteams begleitet hat und der Beitrag am darauffolgenden Sonntag im NDR-Fernsehen ausgestrahlt wird.
Im Gespräch mit lebendiger Zeitgeschichte
Der Jugendgeschichtstag machte die Landesgeschichte nicht nur in den Projekten lebendig, sondern auch beim schon traditionellen Jugendgeschichtstalk in der Schlossbibliothek mit dem Ehrengast. Alfred Gomolka gab interessierten Jugendlichen einen lebendigen Einblick in sein Leben und die Geschehnisse seiner Regierungsjahre als erster Ministerpräsident nach der deutschen Einheit. Unter dem Titel: „Aufbruch Nordost: Von der Diktatur zur Demokratie“ erzählte er von dem schwierigen Weg aus der SED-Diktatur hin zu einem demokratischen Land. „Übrigens war ich der erste Ministerpräsident eines neuen Bundeslandes. Wir hatten auch das erste Landesparlament in Ostdeutschland und ich habe die erste Regierungserklärung der neu gewählten Ministerpräsidenten gehalten. Wir sind zügig an die Arbeit gegangen, um das Land aufzubauen. „Arm, aber schnell“, hieß es damals über Mecklenburg-Vorpommern. Das habe ich als Kompliment verstanden.“ Mit dem Blick auf das heutige M-V mahnte er vor den Gefahren für unsere Demokratie, welche aus Rechts- und Linksextremismus erwachsen können.

Einblicke in einen ganz anderen Bereich der DDR-Geschichte gaben Jochen Bachfeld (Box-Olympiasieger 1976) und Michael Timm (Box-Europameister 1985), welche unter dem Titel „Sport hat die Kraft die Welt zu verändern“ aus ihrer Zeit als DDR-Spitzensportler erzählten. Die beiden Sportler nahmen die Jugendlichen mit in das Sportlerleben in der DDR und berichteten inwieweit die Politik in den Sport hinein reichte, was es bedeutete, Spitzensport in der DDR auszuüben, aber auch, was das für ein Gefühl ist, wenn man vor einem Kampf steht. Auch nach dem Ende des Talks nutzten einige Jugendlichen die Chance ihre Fragen an die Sportlegenden aus Mecklenburg zu richten. Die wohl beliebteste Frage: Kann ich ein Autogramm bekommen? Beide Boxer nahmen sich viel Zeit für Erinnerungsfotos, persönliche Widmungen und Gespräche und freuten sich über das sportliche wie auch geschichtliche Interesse der jungen Zeitenspringer_innen.

Jeder Tag geht zu Ende
Einen Blick hinter die Kulissen der Entscheidungen und Entwicklungen der aktuellen Zeitgeschichte in M-V gewährte der Regierungssprecher Mecklenburg-Vorpommerns Andreas Timm. Im Festsaal stand er den Jugendlichen Rede und Antwort auf ihre neugierigen Fragen, klärte auf, was ein Regierungssprecher macht und gab Hinweise, wie Politik aber auch Zeitenspringer_innen Medien und Öffentlichkeit für ihre Projekte begeistern können.

Im Anschluss nutzten Vertreter_innen von fünf Projekten die Möglichkeit auf der Bühne des Festsaales Erlebnisse und Ergebnisse ihrer Recherchearbeit persönlich, mit Filmausschnitten und prägnanten Bildern vorzustellen. Und dann folgte auch schon der Schlusspunkt der Veranstaltung: die Preisverleihung. Den ganzen Tag konnten die Zeitenspringer_innen sich auch über die Ergebnisse der anderen Projekten informieren. Wer dies nutzte, konnte das Jugendgeschichtstags-Quiz mit je einer Frage zu jedem Projekt sicher lösen – und gewinnen.

Dann hieß es für die Projektteilnehmenden zusammenpacken und zurück nach Hause. Viele hatten noch einen langen Weg vor sich. Damit ging nicht nur ein ereignisreicher Tag zu Ende. Auch für die meisten Projekte stellte die Projektmesse den Schlusspunkt dar. Aber während der Recherchen haben sich auch neue Fragen ergeben. Für manche vielleicht der Ausgangspunkt für ein Zeitensprünge-Projekt 2012 und ein Wiedersehen beim nächsten Jugendgeschichtstag.
(Danke an Benjamin Böhl und Anja Kapschütz)Mehr Informationen: